Warum das Ganze?  Aufstand der Satten

Warum das Ganze? Aufstand der Satten

Aufstand der Satten

Wir hier in Deutschland schlemmen – jeden Tag, zu jeder Jahreszeit, was auch immer wir wollen. Wir  kaufen, worauf wir Lust haben. Die Supermarktregale sind gefüllt mit Produkten aus aller Welt. Unser Steak frisst Soja aus Südamerika, der Wohlfühltee wird handgepflückt von Frauen aus Indien und Kinder ernten für uns Kakao an der Elfenbeinküste. Die imperiale, globale Ernährungsweise macht´s möglich. Da wo es Menschen gibt, die wie König*innen schlemmen, gibt es auch Untertanen, also Menschen, die ausgebeutet und unterdrückt werden. (vgl. I.L.A. Kollektiv. 2017. S.60)

 

Warum regional?

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Je regionaler wir unser Essen beziehen, desto höher ist die Chance, dass wir die Produktion unserer Lebensmittel, den Transport, die Verarbeitung nachzuvollziehen und involvierte Menschen wahrnehmen können! Wir können zum Beispiel bei der Bäuerin oder dem Gärtner in der Umgebung nachfragen, wie sie/er anbaut, und uns bei einem Hofbesuch selbst einen Einblick verschaffen.

 

Wer baut meine Lebensmittel an?

Wie viel verdienen diese Personen?

Wem gehört das Land, auf dem mein Gemüse gewachsen ist?

Aus welchem Saatgut ist es gewachsen? Gibt es ein Patent darauf?

Wie viel Chemie ist drin?

Wie weit ist mein Essen gereist? Wer transportiert es?

Wer verarbeitet und verkocht es? Wer verpackt es? Wer lagert es?

Wie viel Leid und wie viel Freude stecken drin?

 

Uns geht es nicht nur um regionale, gesunde Ernährung, ausgereifte Früchte und die Vernetzung der Region. Für uns ist Regionaltät sowie die Regio Challenge eng verbunden mit Fragen nach Gerechtigkeit, nach Agrarökologie und einer ressourcenschonenden, zukunftsweisenden Lebensweise.

Der folgende Text soll helfen sensibel zu werden für die Auswirkungen unseres Essverhaltens und Bezüge herstellen zum globalen Lebensmittelsystem, der imperialen Lebensweise, Agrarindustrie und Konzernmacht sowie zu gelebten Alternativen und einer sozial-ökologischen Transformation.

Aber nun zurück zum Essen.

 

Kann ich die Fragen für mein Essen beantworten?

Schaue ich an, was ich täglich esse, und stelle mir die oben genannten Fragen, gefallen mir dann die Antworten? Kann ich diese Fragen überhaupt beantworten? Zumindest für ein einziges Lebensmittel?

Morgens trinke ich einen Kakao, dessen Kakaobohnen an der Elfenbeinküste gewachsen sind, und dessen Milch ein riesiger Molkereikonzern  in die Supermarktregale gestellt hat. Ob der Zucker im Kakao aus Rüben oder Zuckerrohr hergestellt wurde, weiß ich nicht mal. Will ich also zu meinem leckeren Heißgetränk die oben genannten Fragen beantworten, komme ich schnell an die Grenzen des Möglichen.

 

Ein undurchsichtiges Ernährungssystem

Unser heutiges, hoch komplexes, globales Ernährungssystem mit unzähligen Stationen vom Acker bis auf meinen Teller ist nicht überschaubar und weitestgehend undurchsichtig.

Auf der geschickt gestalteten Milchpackung sah die Kuh auf der Weide doch recht glücklich aus. Wenn wir wollen, macht es uns die Nahrungsmittelindustrie mit samt ihrem Marketing leicht das zu glauben. Sie hilft uns wegzusehen, zu verdrängen und uns am Überfluss zu erfreuen. Wir kriegen in der Werbung, auf dem Schaubauernhof der Grünen Woche oder auf den Produktverpackungen Bauernhofidylle präsentiert und im Supermarktregal „saubere“ Produkte. Dass für viele Produkte Tiere in Tierfabriken ausgebeutet, Natur, wie Regenwälder, unwiderruflich zerstört und Menschen, wie Geflüchtete, auf Orangen- und Tomatenplantagen in Rosarno (Italien) oder Almeria (Spanien), ausgenommen und rechtlos unterdrückt werden, davon ist bei dem netten Design nichts zu sehen.

Je mehr wir nachforschen, desto deutlicher wird es: Durch die hohe Komplexität des globalen Ernährungssystems und die vielen Stationen unseres Essens verlieren wir den Bezug zu dem, was wir uns in den Mund stecken. Wir können nicht nachvollziehen, auf welche Art und Weise es produziert wird.

Wir denken, dass, je besser und transparenter wir die oben genannten Fragen beantworten können, desto besser können wir auf das Ernährungs- und Agrarsystem Einfluss nehmen und mitgestalten. Dann können wir entscheiden, ob wir hinter den Produktionsweisen stehen und mit Freude essen oder ob wir auf Produkte verzichten, weil uns Menschenwohl wichtiger ist als unser Genuss.

Wir glauben, dass alle Menschen ein Recht auf und den Zugang zu gesunder Nahrung haben sollen, die ohne Ausbeutung von Natur, Mensch und Tier hergestellt und verteilt wird.

Und wir denken, dass das mit der imperialen Lebensweise und profitorientierten Globalisierung nicht möglich ist.

 

Das globale Ernährungssystem ist aus dem Ruder gelaufen.


  • Industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion fördert den Klimawandel, illegale Abholzung, Wasserknappheit und -verschmutzung auf der ganzen Welt sowie den Verlust von Biodiversität. (AbL. 2018)

Fluginsekten sind in Deutschland von 1990 bis 2018 um 76% zurückgegangen. Sollten die Bienen sterben, wer bestäubt dann die Blüten? (Umweltinstitut München e.V. 2017)


  • Fossile Ernährung – Wir essen indirekt Erdöl (Erklärung unten: „Was spricht denn gegen weite Transportwege?“ (I.L.A. Kollektiv. 2017. S. 61)

  • Kleinbäuer*innen werden verdrängt und immer mehr bäuerliche Betriebe müssen aufgeben. (Bund der deutschen Landjugend. 2009)

  • Konzerne sowie wenige Menschen profitieren, während die lokale Bevölkerung die Konsequenzen trägt, bzw. kommenden Generationen.

  • Lebensmittel in Deutschland sind billig. Der billige Preis spiegelt jedoch nicht die wahren incl. der externalisierten Kosten wider.

Externalisierte Kosten sind Kosten, die von Produzent*innen verursacht, aber von anderen getragen werden. Etwa wenn das Grundwasser durch Überdüngung verschmutzt wird und nicht die Agrarindustrie sowie die Konsument*innen der durch Düngung erzeugten Produkte die Kosten und Folgen trägt, sondern alle, die in der Gegend sauberes Wasser haben wollen. Der Wasserpreis steigt, um die erhöhten Reinigungskosten zu decken – alle zahlen.


  • Je höher weltweit das Bruttoinlandsprodukt eines Landes, bzw. die monatlichen Einnahmen, desto geringer sind die Ausgaben für Nahrungsmittel (in Deutschland um die 12% [Statista. 2017]). Wie geben wir den Nahrungsmitteln ihren Wert zurück? Was muss passieren, damit Bäuer*innen und Landarbeiter*innen faire Löhne bekommen und Konsument*innen bereit sind, angemessene Preise zu zahlen?

  • Es gibt weltweit um die 800 Millionen hungernde und 1,5 Milliarden fettleibige Menschen.

Wie kann es sein, dass ein Teil der Weltbevölkerung nach Lust und Laune speist, während der andere Teil am Hungertuch nagt oder gar stirbt? (AbL. 2018)


  • Jedes achte Lebensmittel in Deutschland landet in der Tonne. Das macht pro Jahr und Person durchschnittlich 82 kg Lebensmittel und entspricht zwei vollgepackten Einkaufswagen. Hochgerechnet auf Deutschland macht das 6,7 Millionen Tonnen pro Jahr. (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. 2012)

Die Problematik rund um das Ernährungssystem ist vielschichtig. Klar ist, dass es so nicht weiter gehen kann.

Genug Gründe gibt es um zu handeln!

 

“Reclaim the Fields”-Möhrchen

Gutes Essen für alle!

Wir sind alle Teil der Lösung! 

Es kann nicht gelingen, Probleme und Krisen mit Mitteln zu bekämpfen, welche die Ursachen für diese nicht in Frage stellen, vielleicht sogar festigen. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, ist ein Nachdenken über verschiedene Transformationspfade hilfreich. Dabei gibt es keinen einfachen ›Masterplan‹.

Wir dürfen die sozial-ökologische Transformation des Ernährungssystems nicht anderen überlassen. Wir alle sind gefragt.

Es geht um eine umfassende Politisierung von Fragen und Themen der Ernährung und des Essverhaltens. Ob und wie viel Fleisch wir essen ist nicht meine private, sondern eine gesellschaftlich relevante Entscheidung, welche globale Auswirkungen hat.

Transformation im Sinne eines guten Lebens für alle zielt auf eine ›Welt ohne Hunger‹. Die Forderung ist klar: Gutes Essen für alle! Weltweit gibt es mittlerweile zahlreiche Initiativen, Allianzen und Bewegungen, die sich für ein anderes, zukunftsfähiges und gerechtes Agrar- und Ernährungssystem einsetzen.  Zentrale Bedeutung hat das Engagement für Ernährungssouveränität erlangt. (I.L.A Kollektiv. 2017. S.75)

 

Für eine agrarökologische Wende

Eine Neuausrichtung des Ernährungssystems erfordert die Grenzen unseres Planeten anzuerkennen und Antworten auf soziale und ökologische Probleme zu finden. Hierbei spielt Agrarökologie eine Schlüsselrolle: Hier bilden regionale Kreisläufe und Netzwerke die Grundlage, während bessere Einkommen unter anderem die kollektive Selbstbestimmung von Bäuer*innen und Landarbeiter*innen stärken. Land, Wasser und Saatgut werden erhalten und nachhaltig genutzt. Damit setzt die Agrarökologie der Ausbeutung der Natur und von in der Landwirtschaft tätigen Menschen eine bäuerliche Alternative entgegen. Sie erlangt zunehmend Anerkennung als wichtige Antwort auf die multiple Krise. (I.L.A Kollektiv. 2017. S.75)

 

Alternativen leben! Für demokratische, solidarische und nachhaltige Ernährungsweisen

Jeden Tag ackern Kleinbäuerinnen und Bauern, Lebensmittelhandwerker*innen, Konsument*innen und viele weitere auf der ganzen Welt für einen Systemwandel. Immer mehr Menschen erkennen, wo gutes Essen herkommt und wie es produziert wird. (AbL. 2018.)

Es braucht viele Menschen an vielen Orten, die viele kleine Dinge tun.

Durch regionalen Einkauf  entstehen Kontakte vor Ort. Beziehungen untereinander weben sich. Menschen, wie Produzent*innen, Verarbeiter*innen und Konsument*innen, lernen sich kennen – ob auf dem Acker, der Hofladentheke oder im Regio-Restaurant. Durch Austausch kann Vertrauen und Verbindung entstehen sowie gegenseitige Unterstützung.

Es gibt bereits genossenschaftliche und solidarökonomische Ansätze, die ökologischen Prinzipien folgen und die ganze Wertschöpfungskette einbeziehen. Sie weisen in Richtung einer demokratischen Ausgestaltung der Nahrungsmittelversorgung entlang der Bedürfnisse und Interessen aller beteiligten Akteure.

Netzwerk Solidarische Landwirtschaft

Beispiel: Bei der Solidarischen Landwirtschaft entscheiden im besten Fall Bäuer*innen und Konsument*innen gemeinsam darüber was die Bäuer*innen wie produzieren. Finanzierung, Risiko und Teile der Arbeit organisieren sie solidarisch. Gemeinsam mit Bauern und Bäuerinnen, die aktiv für eine andere Landwirtschaft eintreten, leben Konsument*innen alternative Produktions- und Konsummuster. (I.L.A Kollektiv. 2017. S.75)

 

Was spricht denn gegen weite Transportwege?

I.L.A. Kollektiv. 2017. “Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert”

Im Zuge des Kapitalismus wurde auch die Landwirtschaft zunehmend industrialisiert. Dies hat ihre sozialen und ökologischen Grundlagen tiefgreifend verändert. Die steigende Verfügbarkeit  von Erdöl spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Erst fossile Treibstoffe und ein billiges Transportwesen haben ermöglicht, dass Nahrungsmittel um den Erdball reisen und bei uns ›frisch‹ im Einkaufswagen landen. Damit sie von den Agrarbetrieben, Flug- und Seehäfen und Nahrungsmittelindustrien in Distributionszentren und von dort in die Filialen der Supermärkte gelangen, braucht es Verkehrsinfrastruktur und Transportmittel. Die durch unser Essen zurückgelegten ›Nahrungsmittelkilometer‹ steigen weiter, wenn wir den Einkauf mit dem Auto erledigen. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass lokal produzierte Nahrung per se eine bessere CO2-Bilanz aufweist. So kann ein heimischer Apfel etwa durch lange Lagerung im Kühlhaus schlechter abschneiden als importiertes, aber frisch geerntetes Obst. Also aufgepasst! Zumindest für die CO2-Bilanz ist regional nicht immer besser! (vgl. I.L.A Kollektiv. 2017. S.61)

Während der Regio Challenge fahren wir CO2-freundlich möglichst mit dem Rad, um unsere Lebensmittel zu organisieren und bekommen dadurch ein anderes Gefühl für Entfernungen und Transportwege.

 

 

Und warum eine Woche lang Supermärkte umfahren und stattdessen Wochenmärkte und Hofläden aufsuchen?

Supermärkte können als ›Türsteher‹ zwischen Erzeuger*innen und Konsument*innen betrachtet werden und nehmen so eine bedeutende Rolle ein. Sie entscheiden, was in die Auslagen kommt und was nicht. Wir bekommen im Supermarkt also nur einen Ausschnitt dessen zu sehen, was es eigentlich zu essen gibt, und können am Supermarktregal nur begrenzt entscheiden. Wo landen dreibeinige Möhren? Wieso gibt es keine lila Kartoffeln? Was ist mit den krummen Gurken? In Deutschland kontrollieren die fünf führenden Supermarktketten Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Metro rund 90 % des Marktes.

Supermärkte sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Warum eigentlich? Sie organisieren in unseren Breiten weitestgehend den Verkauf von Lebensmitteln an Konsument*innen. Doch warum finden wir das ›super‹? Zahlreiche Versprechen machen dieses Modell so attraktiv: ein Überfluss an Waren, fast ständige Verfügbarkeit – auch für ›Menschen mit wenig Zeit‹ –, das Gefühl der Unabhängigkeit durch ›freie‹ Wahl. Und nicht zuletzt: billige Preise. Die Werbung lockt mit verheißungsvollen Slogans wie »Kampf dem Preis« oder »der Kunde ist König«.

Selten wird hinterfragt, wer die Kosten trägt und ob, wie und für wen Supermärkte diese Versprechen einlösen. ((I.L.A Kollektiv. 2017. S.69)

Während der Regio Challenge umfahren wir Supermärkte weiträumig und erproben regionale Möglichkeiten der Ernährung. So weit wie möglich werden wir unser Essen selbst auswählen und auf den Filter der Supermärkte verzichten. Wir wollen das entdecken, was es nicht in die Ladentheke schafft.

Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität!

Die Zeit ist reif für die zweite Regio Challenge 2018!

 

Quellen:

I.L.A. Kollektiv. 2017: „Auf Kosten andere? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“. (https://aufkostenanderer.files.wordpress.com/2017/06/7-ernc3a4hrung.pdf)

AbL. 2018: (https://www.abl-ev.de/apendix/news/details/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=1725&cHash=1d4c13226f9f041a4a7ad913fe8e6d57)

Umweltinstitut München e.V. 2017: (http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/neue-studie-belegt-dramatisches-insektensterben-in-deutschland.html)

Statista. 2017: (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/75719/umfrage/ausgaben-fuer-nahrungsmittel-in-deutschland-seit-1900/)

Bund der deutschen Landjugend. 2009: (http://www.junglandwirte.de/index.php?option=com_content&view=article&id=190&Itemid=150&lang=de)

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. 2012: (https://www.zugutfuerdietonne.de/warum-werfen-wir-lebensmittel-weg/wie-viel-werfen-wir-weg/)